Kappenabend 2026
(Text & Bilder: Werner Kneipel)
Es ist 19:11 Uhr an einem Samstagabend im Februar. Im ganzen Land versammelt man sich um diese Zeit vor dem Fernsehgerät zur Sportschau oder zum wöchentlichen Bad. Das ganze Land? Nur in einem kleinen Dorf, einem letzten Bollwerk der Zivilisation am Rhein zum Elsass und dem Stammesgebiet eines landläufig als „Rieder“ bezeichneten Volksstammes, ist alles anders. Große Teile der Bevölkerung ziehen sich an diesem Abend bunt gewandet zu einem alljährlichen Ritual in ihre Kultstätte zurück. Es ist der große Tag des landauf, landab gerühmten „Kappenabends“, an dem in dunkler Zeit der Fröhlichkeit, der Ausgelassenheit und dem(manchmal) geistreichen Blödsinn gehuldigt wird.
Das Ritual beginnt mit elf Donnerschlägen (warum eigentlich immer diese 11…??), die die Versammlung – meist vergeblich – zu Stille und Andacht mahnen. Ein Mann betritt die hell erleuchtete Bühne. Er sei der „Candyman“ sagt Kilian Leuchtner, der Vorstand des Männergesangvereins, also gewissermaßen der „Hohe Priester“ dieses Rituals, der an diesem Abend die Oberaufsicht über das gesamte Treiben habe. Wie in jedem Jahr werde er allerdings die Gestaltung des weiteren Ablaufs an zwei Gastmoderatoren abgeben, die auf Zuruf sofort auf der Bühne erscheinen würden. Man habe bereits in den vergangenen Jahren weder Kosten gescheut noch Nerven geschont, immer wieder prominente Personen für diese Aufgabe zu gewinnen, selbst einstige Kanzlerinnen seien sich dafür nicht zu schade gewesen. Die Schlange der Bewerber ist immer lang – und in diesem Jahr haben sich Andi „Robäärt“ Merkel und Simon „Carmen“ Nold nebst ihrer gesamten sehr ansehnlichen und gar nicht buckligen Verwandtschaft durchgesetzt. Die Geissens übernehmen das Geschehen auf der Bühne und führen das gespannte Publikum durch einen Abend voller Musik, Tanz, Gesang und Wortwitz.
Die Eröffnung macht, wie immer, der Iffezheimer Fanfarenzug. Die überaus dominanten Trommeln, durchwoben von den ätherisch anmutenden, zart-melodischen Klängen der Fanfaren und Trompeten, erfüllen die Bénazet-Tribüne und reißen das Publikum nicht das letzte Mal an diesem Abend von ihren Sitzen. Spätestens beim „Iffzer Lied“ schwillt dem gerührten Bürger die Brust und – „horch do mol no“ – singt der ganze Saal in den höchsten Tönen.
Iffezheim hat ganz offensichtlich ein Mäuse-Problem. In der stillgelegten Festhalle flattern sie rum und drunten auf der Bahn wuselte zum Vergnügen der Zuschauer eine ganze Mäusebande über die närrische Bühne: die Mini-Garde des ICC lieferte mit ihrem Katz- und Mausspiel zum wiederholten Male eine perfekte Tanzleistung und erfreute den Saal.
Im Anschluss war es an der Zeit, dass das Publikum bei einer Tanzrunde seine Tanzkünste beweisen konnte. Erfreulich: Es gab dabei keine Verletzten.
Danach begab sich eine kleine Abordnung der Iffezheimer Sänger bei ihrem Vortrag u.a. auf Jobsuche. Und dafür bietet der kleine Ort am Rhein eine Menge Möglichkeiten. Du willst Bürgermeister werden? Wirf einfach beim Rathaus eine Bewerbung ein. Du hast Freude am Fotografieren und am Radfahren? Dann bewerbe dich doch einfach als Dorfpolizistin. Das Leben kann ja so einfach sein…
Die Jungsänger des MGV erzählten das Märchen vom Schneewittchen in moderner, leicht prolliger Fassung. Mit nur drei Zwergen kamen sie mit deutlich weniger Fachpersonal aus, als es die Gebrüder Grimm einst vorgesehen hatten. Eines steht fest: als Schneewittchens Zwerg hat man es in diesen Zeiten nicht leicht.
Frischen Wind in die Halle brachte die „SchmuDo“-Truppe des Iffezheimer Musikvereins mit ihrem Musikbeiträgen – flott und gekonnt vorgetragen! Dabei trat Sänger Lou Wenzel in den Vordergrund, der mit beherzter Stimme die gängigen Stimmungshits schmetterte.
Roland Schäfer gab mit seinem Vortrag den Hobbykoch. Nach jahrzehntelanger Fronarbeit in der Küche seiner Frau, wo er als zweibeinige Spülmaschine hauptsächlich für sauberes Geschirr zuständig war, emanzipierte er sich zum engagierten Gourmetkoch und zum Botschafter des guten Geschmacks. Dabei zahlte er durchaus auch mal Lehrgeld, denn wenn man drei Tage lang alte Brötchen reibt, anstatt drei Tage alte Brötchen, tut das einem auch weh. All dies hielt ihn aber nicht davon ab, seinen Weg an die Spitze der Hobbyköche anzutreten. Nach diesem Vortrag kann man getrost davon ausgehen, dass in Rolands Küche das Wasser niemals anbrennt.
Nach einem weiteren schmissigen Auftritt des Fanfarenzugs stand ein Bühnenbeitrag der Iffezheimer „Sallis“ an. Diese Gruppe ist in den vergangenen Jahren immer wieder durch überaus originelle und auch aufwendige Vorträge hervorgetreten. In diesem Jahr verfolgten sie in sechs Szenen die Spuren der Herren Max und Moritz und deckten auf, dass bislang ungeklärt gebliebene Unglücksfälle auf deren perfide Streiche zurückzuführen sind. Unter anderem geht der Brand in der „Sonne“ auf das Konto der Lausbuben. Ein Trinkgelage mit der Schifffsführerin eines Lastkahns hatte die nachhaltige Demolierung der Schleuse zur Folge, weil die Dame im Suff die Bremse ihres Schiffs nicht mehr fand. Warum bei der Bürgermeisterwahl der amtierende BM Schmid als alleiniger Kandidat übrig blieb? Fragen Sie Max und Moritz, die dem Briefkasten am Rathaus ihre ganze Aufmerksamkeit widmeten. Am Ende kam es, wie es kommen musste, denn die Delinquenten wurden am Ende zur Höchststrafe verurteilt: sie wurden ins Ried ausgewiesen. Kann einem Schlimmeres widerfahren?
Dass aus dem Ried aber nicht ausschließlich nur das Böse kommt, bewiesen drei sympathische Wintersdorfer Angler als Vertreter der Fischer-Chöre. Die drei Rieder zeigten einen hohen Grad an Musikalität, zumindest setzten sie die Arienklänge mimisch und mit enormer Beweglichkeit und Hüftschwung in Emotion um. Ob sie bei so viel Gezappel viele Fische fangen, darf allerdings mit Fug und Recht bezweifelt werden.
Im letzten Jahr standen die „Kramboler“ Tim Obrist und Jonas Merkel erstmals auf der Narrenbühne. Im zweiten Jahr ihrer närrischen Karriere setzten Sie mit ihrem Beitrag den Schlusspunkt an das Ende dieses Kappenabends. Mit Gitarre und selbst getexteten Liedern erzählten sie ihre Geschichte weiter: die Probleme auf der Suche nach der Einen und Einzigen fand ihre Fortsetzung. Tim aus’m Ried suchte im ganzen Iffzer Unterdorf nach dem einen Mädel, das ihm unlängst aufgefallen war. Allerdings musste ihn sein Freund Jonas darüber aufklären, dass die Iffzer Mädchen sich sofort im Oberdorf verstecken würden, sobald ein Rieder auch nur zu sehen sei. Die Geschichte schreit geradezu nach einer Fortsetzung, die die beiden Tenöre des MGV im nächsten Jahr bestimmt liefern werden.
MGV-Chef Kilian Leuchtner bat zum Schluss der Veranstaltung alle Akteure nochmals auf die Bühne. Er bedankte sich bei den närrischen Aktiven für die fantasievollen Beiträge und ihr Engagement, bei den beiden Musikern Marco und Michael für Licht und Ton und beim Saalpublikum für den gespendeten Applaus. Er vergaß auch die Leute hinter den Kulissen an Theke und in der Küche nicht und wünschte allen noch weitere heitere Stunden in der Bénazet-Tribüne. Und so verließen die letzten mehr oder weniger Aufrechten erst in den frühen Morgenstunden, in denen dem Tag schon graute, die Stätte des Frohsinns….

